Luntenschloßmuskete, Suhl um 1630

Nachbau einer Luntenschloßmuskete nach einem Original in den Kunstsammlungen der Veste Coburg, Inv. IV. D. 148. Herstellungsort des Originals: Suhl ca. 1630

Gesamtlänge: 142 cm
Lauflänge: 102,5 cm

Kaliber (Bohrung): 19,7 mm (12 Kugeln/Pfund)

Gewicht: 4600 g

Lauf mit aufgelötetem Korn und eingeschobener Kimme, hinten oktagonal, nach den ersten Drittel in einen runden Außenquerschnitt übergehend, mit 6 halbradialen Zierverfeilungen im Übergangsbereich. Mündung halbrund abgesetzt. Drei im Bereich der Pulverkammer befindliche, ursprünglichen Meister- und Beschaumarken sind durch Signaturmarken des Herstellers ersetzt. Eingeschlagene Jahreszahl ohne Bezug zum Herstellungsjahr des Originals. Schaft geschwärzt und geölt, am Kolbenboden mit Eisenblech belegt. Zwei Ladestockbänder und Schaftabschlußband im Mündungsbereich. Hölzerner Ladestock mit Metalldopper. Luntenschloß mit 2-fach verschraubter, rechteckiger Schloßplatte.

Die Unhandlichkeit der frühen Musketen führte dazu, daß man sehr bald eine leichtere Bauweise anstrebte. Bereits zu Beginn des Dreißigjährigen Krieges gehörten solche Ungetüme, wie man sie noch auf den Kupferstichen von Jacob de Gheyn aus dem Jahr 1607 sehen kann, mit einem Gewicht von etwa 7,5 kg und einem Laufkaliber von 8 Kugeln auf das Pfund (was einer Bohrung von 21,6 mm entsprach) schon seit einigen Jahren der Vergangenheit an. Die Entstehung des neuen, leichteren Musketentyps wurde häufig der Innovationsfreudigkeit des Schwedenkönigs Gustav Adolf zugeschrieben. Dieser bezog allerdings seine militärischen Anregungen zum großen Teil aus den Niederlanden, die bei Beginn des 30jährigen Krieges bereits seit 50 Jahren (seit 1568) im Krieg gegen die Spanier standen und durch Moritz von Oranien und seinen Cousin Johann von Nassau-Siegen praktisch das gesamte Heerwesen der frühen Neuzeit revolutioniert hatten. Bereits im Jahr 1596 schrieb Johann von Nassau in seiner Defensionsordnung: „Die musquetirer müssen nicht überaus schwere musqueten haben, damit sie im nothfall und wan man eilend fortziehen muß, desto besser fort kommen, und in der eill auch ohne gabel losschiessen können [...]“. Im Februar 1599 wurde in einer Spezifikation für das niederländische Heer das Gewicht der Muskete auf 13 Pfund begrenzt.

In ersten Viertel des 17. Jahrhunderts erfolgte die Fertigung von Musketen in Deutschland in großem Stil in den Manufakturen der Städte Suhl und Essen und in den Niederlanden in Amsterdam, Utrecht, Maastricht und ’s-Gravenhagen (Den Haag). Geringere Stückzahlen, vor allem die leichteren "Rohre", wurden in Nürnberg und Augsburg hergestellt. Bis in die Mitte der 20er Jahre des 17. Jahrhunderts bezog auch Schweden einen Großteil seiner Feuerwaffenlieferungen aus Deutschland und den Niederlanden. Ab ca. 1627 wurden unter der Leitung niederländischer Rüstungsunternehmer, wie Louis de Geer und Willem de Besche, mehr und mehr Produktionskapazitäten nach Schweden verlagert. Während die komplizierteren Radschloßwaffen nach wie vor aus dem Ausland bezogen werden mußten, konnten die einfacheren Luntenschloßwaffen problemlos im Lande hergestellt werden. Als schwedisches Zentrum für Produktion und Beschau von Feuerwaffen entwickelte sich Jönköping (Beschaumarke ist ein gekrönter Ring).

Bereits im Jahr 1624 hatte Gustav Adolf per Dekret eine neue, leichtere Bauweise für die Luntenschloßmuskete angeordnet. Allerdings waren die in Schweden bis ca. 1630 gefertigten Waffen mit einer vorgeschrieben Lauflänge von 115 bis 118 cm und einer Gesamtlänge von ca. 156 cm immer noch ziemlich unhandlich, wobei der längere Lauf nur eine unerhebliche Steigerung der Schußleistung in Bezug auf Reichweite und Präzision bewirkte.

Ab ca. 1630 wurde deshalb im thüringischen Suhl ein neuer Musketentyp mit nochmals verbesserter Qualität und leichterem Gewicht gebaut. Man erreichte diese durch eine Verkürzung des Laufes und eine Verringerung der Laufwandungsstärke. Diese neue Musketengeneration hatte eine durchschnittliche Gesamtlänge von ca. 140 cm bei einer Lauflänge von 102 cm und ein Gewicht von 4,5 bis 4,7 kg. Das gebohrte Kaliber des glatten Laufes betrug in der Regel 19,7 mm (10 Kugeln/Pfund), woraus eine Rollkugel von ca. 18,5-18,8 mm (12 Kugeln/Pfund) verschossen wurde.* So vermerkte am 6. Mai 1632 der Rothenburger Chronist Sebastian Dehner, daß eine Kompanie schwedischer Infanterie angekommen sei, ausgerüstet mit neuen, sehr leichten Musketen, ohne Forquett (Gabel).

* Die Kalibergrößen im Waffenbau der damaligen Zeit, wurden (wie noch heutzutage die Kaliber von Schrotflinten) in Kugelgewicht pro Pfund berechnet. Eine Kaliberbohrung von 10 Kugeln auf ein Pfund entsprach also dem Durchmesser einer Bleikugel, von der 10 Kugeln auf ein Pfund gingen. Aus diesen Laufbohrungen wurden jedoch wiederum stark unterkalibrige Kugeln verschossen, so daß aus einem Musketenlauf, welcher auf ein Kaliber von 10 Kugeln aufs Pfund (ca. 19,7 mm) gebohrt war, z. B. eine Bleikugel verschossen wurde, von der 12 Kugeln auf ein Pfund gingen (ca. 18,5 mm Durchmesser). Die dabei im deutschen Waffenbau zugrunde liegenden Gewichtseinheiten waren zumeist das Nürnberger Pfund (509,96 Gramm), welches einem Leipziger schweren Pfund entsprach, seltener das Nürnberger Pfund Silbergewicht (477,2 Gramm), welches vereinzelt für gezogene Läufe herangezogen wurde. Mehr über Kaliber von Feuerwaffen des 17. Jahrhunderts mit Radchloß oder Luntenschloß unter der Rubrik Kaliberabmessungen.

Auch diese leichteren Musketen entwickelten aufgrund des relativ großen Kalibers noch einen enormen Rückstoß. Sie wurden deshalb nach wie vor mit Hilfe einer Stützgabel abgeschossen.

Bereits zu diesem Zeitpunkt zeigte sich deshalb schon eine Tendenz zu schwächeren Kalibern. Ab ca. 1630 war bei beiden feindlichen Parteien ein Musketenkaliber mit von ca. 17,0 bis 17,5 mm (16 aufs Pfund) verbreitet, aus welchem Kugeln von der Schwere 18 pro Pfund (ca. 16,2-16,8 mm, sogenannte „zweilöthige Kugeln“) verschossen wurden. Ab ca. 1634 waren viele Musketen, auch Suhler Modelle, meist nur noch auf ein Kaliber von 17,4 mm - 18 mm (16 Kugeln/Pfund) gebohrt, aus welchem eine Rollkugel von ca. 16,8 mm (18 Kugeln/Pfund) verschossen wurde**. Parallel dazu wurden jedoch noch die stärkeren Kaliber beibehalten. Vor allem die schwedischen Manufakturen hielten sich weiter an die Standardkaliberbohrung von 10 Kugeln pro Pfund (19,7 mm) und die niederländische Beschußverordnung von 1639 schreibt dieses Kaliber sogar ausdrücklich vor.

** Kugeln dieses Kalibers lassen sich auch heute noch relativ häufig auf Schlachtfeldern des Dreißigjährigen Krieges ab dem Jahr1632 finden.

Die hier beschriebene Muskete stellt einen exakten Nachbau des neuen, leichten Suhler Modelles dar, welches sich in den Jahren von 1630 bis 1634 (dem Jahr der Zerstörung Suhls durch kroatische Söldner unter General Johann Ludwig von Isolano) zum defacto Standard bei den schwedisch-protestantischen Truppen entwickelte.



Der Lauf des Suhler Originals im Bereich der Pulverkammer mit abgenommenem Pfannendeckel und Feuerschirm. Die unteren beiden Schmiedemarken sind die des Laufschmiedes und Gewehrhändlers. Oben der Beschaustempel von Suhl (SVL).



Das gleiche Detail bei der Replik. Der Suhler Beschaustempel und die Schmiedemarken sind durch Meistermarken von Armin König ersetzt. Die Passung der Laufbefestigungsschraube sieht auf den ersten Blick etwas ungenau aus. Der leichte Überstand des Gewindes ist jedoch typisch und bei nahezu allen Originalen vorhanden. Die Fertigung von Gewindeschrauben war im 17. Jahrhundert aufwändig. Da Längentoleranzen kaum zu vermeiden waren, stellte man die Schraube etwas länger her, um sicherzustellen, daß die Gewindegänge alle griffen. Zusätzlich unterlag das Holz des Schaftes im Lauf der Jahrhunderte einem nicht unerheblichen Schwindungsprozeß, so daß durch schrittweises Nachstellen der Schraube diese mehr und mehr nach oben heraustrat.



Der Suhler Beschaustempel des Originals im Detail



Mündungsdetail des Nauchbaues. Die Mündung ist für eine Militärwaffe außergewöhnlich qualitätvoll abgesetzt. Ein Detail, welches exakt dem Original nachempfunden ist. Dieses typische Suhler Merkmal zeugt von hohem Fertigungsstandard. Der Dopper des Ladestocks entspricht in Form und Ausführung dem Original. Die mit Kupferlot verlötete Metallhülse ist zur Befestigung eines Krätzers mit einem Innengewinde versehen. Der scharfkantige Vorderabschluß verhindert ein Vorbeigleiten des Ladestockes beim Hinabstoßen des Verdämmungspfropfes in Richtung Pulverkammer.



Dieses Detail (Nachbau) zeigt die Metallplatte am Kolbenboden der Muskete. Zur Erhöhung der Feuergeschwindigkeit ersparten sich viele Musketiere das langwierige Verdämmen der Ladung mit dem Ladestock. Nach dem Einbringen der Pulverladung ließ der Schütze eine Bleikugel aus dem Mund in den Lauf fallen. Durch kurzes Aufstoßen des Kolbenendes auf den Boden wurde die Ladung verdichtet. Dies ging zwar schneller, hatte jedoch einen großen Nachteil. Da mit stark unterkalibrigen Rollkugeln geschossen wurde, konnte dem Schützen, wenn er bergab schießen mußte, wegen der fehlenden Verdämmung die Kugel aus dem Lauf rollen. Eine Situation, welche relativ häufig vorkam.



Schloßmechanismus des Suhler Originals von Innen im Detail



Schloßmechanismus - Nachbau. Die Innenmechanik ist denkbar einfach. Eine gute und leichtgängige Funktion ist jedoch von einer genauen Nachbildung der Abmessungen, Winkel und Bohrungsverghältnisse abhängig.



Schema eines Luntenschlosses:

A Lunte
B Hahn
C Nuß
D Schloßstange
E Abzugsstange
F Pfanne
G Schloßplatte
H Schloßschrauben
J Pfannendeckel
K Feuerschirm
L Stangenfeder



Der Autor beim Abfeuern seiner von Armin König gefertigten Suhler Luntenschloßmuskete, Modell 1630.

Die Muskete wird dabei auf eine Stützgabel, die sogenannte Forquette, aufgelegt. Die Lunte glimmt an beiden Enden, damit, falls durch den (wie man sieht, nicht unerheblichen) Pfannenblitz das eine Glutende beschädigt wird, man sich vom anderen Ende wieder Feuer holen kann. Der Rückstoß einer solchen Waffe ist gewaltig, besonders bei Verwendung der zur damaligen Zeit gebräuchlichen Pulverladungen in der Größenordnung des halben Kugelgewichts (nicht zur Nachahmung empfohlen mit heutigen, modernen Schwarzpulverrezepturen). Bereits Wallhausen empfiehlt deshalb in seiner Abhandlung „Kriegskunst zu Fuß“ aus dem Jahr 1615: „[...] setze die Mußquet hinden recht [fest] auff deine rechte Brust, nicht an den Arm hinan, dann ein Mußquet, so hart stosset, einem leichtlich dem Arm aus dem Glied stoßen [ausrenken] soll, oder da du sechs oder acht Schüß thun soltest, solte es dich also zurichten, daß du den andern Tag dein Arm nicht gebrauchen köntest [...]“.

© Text und Fotos: Peter Engerisser 2007

Bei Bedarf zitieren Sie diesen Beitrag bitte als:
Beschreibung einer militärischen Luntenschlossmuskete, Suhl um 1630. Aus: Peter Engerisser: Ausrüstung und Bewaffnung der Armeen des Dreißigjährigen Krieges. URL: http://www.engerisser.de/Bewaffnung/Luntenschlossmuskete.html